Uraufführung zum Finalsatz Bruckners "Neunter"

01.03.2010




Heinz Winbeck

„Jetzt und in der Stunde des Todes“
Drei Fragmente unter Verwendung von Motiven insbesondere des Finales der 9. Sinfonie von Anton Bruckner.





Bruckners letzte und unvollendete Sinfonie stellt mit ihrer wegweisenden Harmonik bereits eine „
Antenne ins 20. Jahrhundert“ (Nikolaus Harnoncourt) dar, kein Wunder also, dass um das Fragment ominöse Ränke geschmiedet wurden. Von einem Finalsatz fehlt bis heute jede Spur. Etliches Material ging gleich nach Bruckners Tod verloren, da das Sterbezimmer nicht rechtzeitig versiegelt und somit ein Ziel für Andenkenjäger wurde, die sich an den Skizzenblättern bereicherten. Erhalten sind heute vom finalen 4. Satz neben zahlreichen Skizzen auch ausgeschiedene Partiturbögen aus mehreren Arbeitsphasen (1887-1896), die durch ständige Bearbeitungen der vorhergegangenen acht Sinfonien unterbrochen wurden.

Der langatmige Titel der Komposition von Heinz Winbeck scheint vor diesem Hintergrund nicht nur logisch sondern fast notwendig:
Jetzt und in der Stunde des Todes“, Drei Fragmente unter Verwendung von Motiven insbesondere des Finales der 9. Sinfonie von Anton Bruckner.


Die Gedanken des deutschen Komponisten zu seiner Arbeit legt er so dar:


Verstörend? Zwischen Vision und Alptraum

Während ich dem Hörer erklären will, auf welche Art von Musik er sich einstellen möge, wird mir bewußt, dass keine Kategorie und Begrifflichkeit, nicht einmal die so unverfängliche Fragmentbezeichnung wirklich zutrifft. Hilft der Umweg über die Negation?
Es handelt sich also nicht um einen weiteren Versuch, mit dem von Anton Bruckner hinterlassenen Material den Finalsatz „fertig zu komponieren“, ebenso wenig um eine neutrale musikwissenschaftliche Studie auf der Basis dieses Materials, noch weniger um eine Transposition in unsere Gegenwart, geleitet von der Frage, was uns Väterchen Bruckner heute zu sagen hätte. Ja, was denn dann?

Nach mehrjähriger Beschäftigung mit der Thematik verdichtete sich in mir die Wahrnehmung, wie sich ein Komponist fühlt, der mit der Last dieser „unfertigen“ 9. Sinfonie dem Tod entgegengeht und merkt, wie die letzten Einfälle und Visionen eine äußerste Zuspitzung erfahren und zugleich entgleiten, Einbrüche entstehen, wo vorher begehbares Land war, selbst die vertrauten und verehrten Vorbilder, deren großartige Gipfel man wenigstens von ferne grüßen wollte, plötzlich zu dämonischen Autoritäten werden und man allein steht mit seinem Glauben auf schwankendem Boden.

Satz I
Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden... vollzieht in einer zunächst sehr stillen, vortastend suchenden Weise den Aufbruch zum Abschied.

Satz II
Komm, hl. Geist und entzünde...
legt mit Choral, Fuge und Hauptthema die letzte große und vergebliche Kraftanstrengung fieberhaft taumelnd bloß.

Satz III
Jetzt und in der Stunde des Todes
zeigt die allmähliche Auflösung der Zeit nach dem Hindurchgang durch aufsteigende Erinnerungen aus dem eigenen sinfonischen Lebenswerk, gerufen von Motiven der ach so verehrten Wagner’schen Götterdämmerung, einmündend in eine „Hallelujah-Vision“.

Der Kenner wird merken, dass ich zwar permanent „Bruckner´sches“ bearbeite, aber so gut wie nie Bruckner im Originalklang zitiere – nur 4 von 1327 Takten – und auch weitestgehend eine Nachahmung des Bruckner´schen Orchesterklangs vermeide. Damit stellt sich die Frage nach meinem Anteil. Auch hier kann ich nur sagen, was mir selbst als Paradoxon erscheint: ich habe mich via Studium und Einfühlung Anton Bruckner zwar völlig untergeordnet, und es ist gewiß keine „moderne“ Musik dabei herausgekommen, aber es ist absolut und ganz und gar m e i n Stück und meine Gratwanderung. Gerne lege ich es in die Hände von Anton Bruckner, der am besten verstehen wird, dass ich aus Respekt vor seiner einmaligen Individualität und seinem Genie den Finalsatz unvollendet ließ.

Heinz Winbeck




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Foto: Reinhard Winkler




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